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wegweiser Der Seelenraum des Ungeborenen


In den letzten Jahrzehnten entwickelten sich immer regere Forschungsaktivitäten im Bereich des werdenden Lebens. Wurden Neugeborene früher als unbewusst und als gefühllose Zellhaufen betrachtet, spricht man heute von der Intelligenz des Fötus und von seiner bemerkenswerten psychischen Leistungsfähigkeit.
Durch Eindringen in seinen natürlicherweise dunklen und geschützten Raum durch Filmaufnahmen und Ultraschallbilder wurde das Kind im Mutterleib sichtbar. Weitere Erkenntnisse über das Seelenleben des Ungeborenen brachten Beobachtungen an Frühgeborenen.
In Bezug auf die sensomotorische Entwicklung in der vorgeburtlichen Zeit gilt als gesichert, dass die Haut das erste Sinnesorgan ist. Bereits ein acht Wochen altes Kind reagiert auf Reize, die am Gesicht ausgelöst werden. Das Hören beginnt offensichtlich in der 18. Schwangerschaftswoche. Wir können mit dem Ungeborenen reden und man geht davon aus, dass Mutter und Vater instinktiv verstanden werden. Der Hörnerv ist im 6. Monat vollständig entwickelt. Am Ende des 5. Schwangerschaftsmonats kann das Kind auf Schwingungen und grobe Bewegungen reagieren. Das Schmecken funktioniert wahrscheinlich ab der 15. Woche, und das Ungeborene beginnt mit 12 Wochen zu schlucken. Seine regelmäßigen Bewegungen ab der 12. Woche zeigen, dass die Sinnesempfindungen, die mit der Bewegung von Muskeln, Sehnen und Gelenken zu tun haben, schon früh funktionieren.
Bei der Geburt zeigt das Baby ohne jede Übung starke Duftvorlieben. Viele der Sehfunktionen erreichen beim Neugeborenen schon fast Erwachsenenniveau. Es zeigte sich, dass gehörte Melodien, Geschichten, der Herzschlag und die Stimme der Mutter sowie ihre Sprache nachgeburtlich wiedererkannt wurden –  auch wurde die Stimme des Vaters erkannt.
In der Neurobiologie beobachtete Hüther, dass das menschliche Gehirn durch die jeweiligen Nutzungsbedingungen zeitlebens formbar bleibt. Die Nervenzellen können sich im Anschluss an die intrauterine Reifung des Gehirns vor der Geburt zwar nicht mehr teilen, sie behalten jedoch für das ganze Leben die Fähigkeit, ihre neuronalen Verschaltungen anpassungsgerecht zu reorganisieren. Nur noch jene Bereiche werden durch genetische Programme vorbestimmt, die für das Überleben unbedingt erforderlich sind. Raffai stellt fest, dass die Gene echte Demokraten sind. Nicht sie bestimmen uns. Wir haben keine festgelegte, primäre biologisch-genetische Bestimmung, wie man früher glaubte. Die gebärmütterliche Atmosphäre und die Bindung dagegen sind von bestimmendem Einfluss.
Die gute Nachricht dabei ist, dass Lernen und Veränderung ein Leben lang möglich sind.

Die erste Umgebung des werdenden Lebens ist die Gebärmutter. Das Leben des Kindes, die pränatale Beziehung, ist durch Abhängigkeit von der Ernährung, dem Schutz und der emotionalen Resonanz der Mutter gekennzeichnet. Die Gebärmutter ist kein abgeschlossener Raum, – sie ist durchlässig. Das Baby kann also gewisse Einflüsse von außerhalb der Mutter erfahren. Dennoch bezieht sich das Kind vor allem auf seine Mutter und ihren Körper.
Vielfältige Reize entstehen aus der Beziehung zwischen der Mutter und dem Ungeborenen. Sie bieten dem Kind einen ständigen Strom von Lernerfahrungen, mit denen es sich auseinandersetzt. Mit Blick auf die gehirnphysiogischen Abläufe schreibt Hüther, dass das Kind diese Auseinandersetzung lebt, indem es die im Gehirn erzeugten Erregungsmuster mit bereits angelegten Mustern verknüpft und als neue Erfahrungen zu verankern sucht.
Die vorgeburtliche Bindung gestaltet sich vielschichtig: Ihre emotionale Qualität vermittelt sich durch die Nabelschnur. Sie bildet die Brücke zwischen dem Blutkreislauf der Mutter und dem des Kindes. Durch Hormone und andere Botenstoffe gelangen Informationen über die Befindlichkeit des mütterlichen Organismus in das Baby. Es berührt seine Umgebung und wird von ihr berührt. Es kann sich durch Berührungsimpulse, die seine Bewegungen auslösen, verständlich machen. Dies ist möglich, da Bewegung und Gefühle untrennbar miteinander verbunden sind. Weiterhin vermittelt sich die vorgeburtliche Bindung über Laute und Schwingungen. Hierzu gehören beispielsweise der Herzrhythmus und die Körpergeräusche der Mutter.
Durch den Einsatz von Ultraschall wurden Kinder beobachtet, deren Mütter in einer ängstlichen Verfassung waren. Ist das der Fall, kommt es zu vermehrter Bildung von Stresshormonen, das mütterliche Herz schlägt schneller und die Sauerstoffzufuhr zum Kind kann beeinträchtigt werden. Es entstand der Eindruck, dass die Kinder auf diesen Angstreiz reagierten: Einige erstarrten, andere strampelten wild um sich. Kurze Einwirkungen von Angst, bzw. Stress bedeuten für das Kind hierbei noch keine Gefahr.
Es ist deutlich geworden, dass das ungeborene Kind Teil des emotionalen Lebens der Mutter ist. Die bindungsstiftende Verständigung entsteht sowohl durch die unbewusste als auch durch die bewusste Kommunikation zwischen Mutter und dem werdenden Kind. Zum Ersten finden sich unzählige Erfahrungsberichte. Unbewusste Bilder, Erinnerungen und Gefühlszustände der Mutter beeinflussen die Beziehung zum Kind. Das bewusste Verhalten, und somit die bewusste Kommunikation der Mutter, hängen von ihrer Einstellung und Bewertung ab. Der Vater und die weitere Umgebung der Mutter sind selbstverständlich in diesen Dialog einbezogen.

Ingesamt kann als sicher gelten, dass während der vorgeburtlichen Zeit im Menschen das grundlegende Vertrauen entstehen kann, sich in der Welt sicher und geborgen zu fühlen. Wo das gelingt, wird eine bedeutende Grundlage für die weitere seelische Entwicklung geschaffen, ein guter Boden für die zukünftige Entwicklung von sozialer Kompetenz,  Erlebnis- und Handlungsfähigkeit.

Silke Nixdorff

Anmerkung:

Es ist anzumerken, dass die Bildgebung durch Ultraschall nur in medizinisch notwendigem Umfang zu verantworten ist und nicht zum sog.Baby-Fernsehen, um den von Natur aus geschützten Raum für das werdende Menschenkind zu respektieren und zu wahren,  s. Achtung!Achtsamkeit ist wichtig

 


Literatur

Chamberlain, David:
Woran Babys sich erinnern. München: Kösel 1990
Gross, Werner: Was erlebt ein Kind im Mutterleib? Ergebnisse und Folgerungen der pränatalen Psychologie. Freiburg: Herder 1982 (seitdem mehrere Auflagen)
Hidas, György/Jenö Raffai: Nabelschnur der Seele. Psychoanalytisch orientierte Förderung der vorgeburtlichen Bindung zwischen Mutter und Baby. Gießen: Psychosozial Verlag 2006
Hüther, Gerald; Krens, Inge: Das Geheimnis der ersten neun Monate. Unsere frühesten Prägungen. Düsseldorf, Zürich: Walter 2005
Janus, Ludwig: Wie die Seele entsteht. Unser psychisches Leben vor und nach der Geburt. Heidelberg: Mattes 1997
Nixdorff, Silke: Salutogenese und Pränatale Psychologie. Gesundheitsförderung und Prävention in der vorgeburtlichen Lebensspanne. Heidelberg: Mattes (im Druck)



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